Erika Ehrbar

Aus dem "Appenzeller Magazin" (12/2003)

Die Wirtin: ERIKA EHRBAR

Das "Schäfli", schmuckes Beizli im Charme vergangener Tage, liegt mitten in Wald, an der Strasse nach Heiden. Dort lebt Erika Ehrbar, die Wirtin, mit ihrem Mann Hampi, dem Händler. Das kam so, weil sie sich 1989 an der Olma trafen und auch prompt ineinander verliebten. Erika ist eigentlich Modeverkäuferin, Hampi eigentlich Koch und Wirt. Man muss nicht immer das Eigentliche tun. Die beiden versuchten Anfang der 90er-Jahre in der "Hofmühle" Rehetobel ein Bankett- und Partyhaus aufzuziehen, was dann, obwohl die Eignerin des Hauses, die damalige Kantonalbank, sogar ans Bundesgericht appellierte, schief ging. Trotzdem war die Zeit dort, findet Erika, eine lässige Zeit, zumal im Herbst 1990 zwei Initianten an sie herantraten und fragten, ob sie nicht das "Schäfli" Wald übernehmen würden. Walo Schläpfer und Kuno Mosch wollten das Beizli nicht sterben lassen, nahmen es auf sich, am Wochenende selber zu wirten. Nach Feierabend wirtete Erika, obwohl sie noch immer bei Bischoff Textil in St. Gallen arbeitete und auch die Hofmühle-Geschichte noch nicht zu Ende war.

"Die Leute in Wald", sagt sie, "kamen auf mich zu, und bald war das <Schäfli> wieder das Stammbeizli für Jung und Alt, obwohl wir nur Snacks haben und selber gemachte Nussgipfel. Es kann aber schon sein, dass mein Mann, wenn er nichts anderes zu tun hat, mal eine Suppe oder ein Fondue macht für die Gäste. Wir haben eben alles hier, vom Rechtsanwalt bis zum Eisenleger. Und ich muss sagen, dass mir die Leute ans Herz gewachsen sind, vor allem jene, die nicht sind wie die anderen, und von denen gibt es hier zwischen den Hügeln eine ganze Menge. Am Morgen haben wir viele Leute, die zum <Znüni> kommen. Das muss zügig gehen. Die wollen ihren Kaffee, ihr Sandwich, ihren Nussgipfel. Da kannst du nicht erst die Betten machen. Auch Frauen aus dem Dorf halten hier ihren Schwatz, und ältere Wäldler, die ihr Zweierli trinken. Wichtig sind für uns die Vereine am Abend. Oft sind Leute hier, denen es schlecht geht. Ich mache es mir zum Prinzip, mich zu einem Gast zu setzen, wenn sonst niemand hier ist, statt ihn einfach ins Bierglas stieren zu lassen. Da erfährst du lustige Geschichten, aber auch traurige. Die Leute erzählen von ihren Problemen mit Freundin, Ehe und Geld. Manchmal komme ich mir vor wie ein kleiner Psychiater, aber ich habe einen breiten Rücken, und schliesslich machen wir jedes Jahr fünf Wochen Ferien in Griechenland. Dann ist das Beizli halt geschlossen. Manchmal frage ich mich, ob der oder jener überhaupt zahlen kann. Wenn nicht, dann schreib ich das Bier und das nächste auf. Dann muss geredet werden. Mit der Zeit merkst du, wem du vertrauen kannst. Es gibt natürlich auch die, die anschreiben lassen und dann nie mehr kommen. Es kann manchmal auch sein, dass ein Stuhl kaputt geht oder einem etwas Bier auf die <Schale> gerät, wenn es etwas <gäch> zugeht, und jemand den <Morelli> hat und sich einfach die Lampe füllt."

Erika macht das Beizli, verkauft Kaffee und Nussgipfel, aber auch offenen Wein aus Sieben-Dezi-Flaschen. Der Gast muss einfach sagen: "Ich will einen guten Wein." Dann kriegt er auch einen, italienischen oder spanischen. Hampi handelt. "Mein Mann ist jetzt Händler", sagt Erika, "Händler und Chaot. Er handelt mit allem, was ihm in die Quere kommt. Manchmal bibere ich, ob das Bett noch da ist, wenn ich nach oben komme. Könnte ja sein, dass er es verkauft hat. Hampi handelt mit Gastromaterial, verschiebt ganze Kücheneinrichtungen und Beizen-Inventare. Momentan ist grad Käse aktuell." Darum steht die elektronische Waage im Gang draussen neben sieben Verstärkern und einem Glasschrank, in dem sich eingelegte Knoblauchzehen und Gewürzgläser präsentieren. Hampi muss sich ab und zu auch als Koch beweisen. Aber jetzt hat er wieder hinter dem Haus angerichtet, sagt einfach: "Ich stell das schnell dahin." Dann bleibt es stehen. Und der Saal oben, der ist voll von dem, was Hampi zusammengetragen hat. Man könnte ein Brockenhaus einrichten. "Hampi ist nicht nur genialer Koch und angefressener Händler", sagt Erika, "sondern auch ein Mann, der keinen Tropfen Alkohol trinkt und deshalb stets bereit ist, einen Gast nach Hause zu karren, sollte der die Lampe etwas überfüllt haben."

Lebensformen in Ausserrhoden

von Hans Jürg Etter (Text) und Lukas Unseld (Bilder).

Von den fünf im Appenzelller Magazin porträtierten Menschen mit ungewöhnlicheren Lebensformen stammen "zweieinhalb" aus Wald !


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