Albert Müller

Der junge Greis:

Nach den Abstechern in fast alle Tobel der Gemeinde Wald wird der Mann an der Tankstelle schon wissen, wo der alte Albert Müller wohnt. "Ja, der ist dann nicht sicher zu Hause, da müsst ihr schon Glück haben." Zwei- bis dreimal in der Woche geht der 95-Jährige hinauf ins Dorf, kauft ein, schwatzt den Leuten, mit den Frauen in den Läden, um die nicht zu vergessen, trinkt noch schnell einen Kaffee bei der Erika im "Schäfli". Man kennt ihn halt.

Auf ein Jahrhundert blickt er bald zurück und ein langes Leben. Es begann im Jahre 1908, und diese frühen Jahre sind ihm so lebendig, als wärs gestern. Rangiert und drangsaliert wurden die Bauernbuben von den Lehrern in jener Zeit, in der Kinder und Jugendliche sich freuten, wenn es gelang, den Erwachsenen einen Streich zu spielen, kein Handy hatten und kein fürstliches Sackgeld. Albert kamnach der sechsten Klasse aus der Schule; er sei halt zweimal hocken geblieben. Es hat ihm nicht geschadet. Die Mädchen in der hinteren Zweierbank, hei, die konnten Kopfrechnen. Aber ihm und dem Sturzenegger wurde es halt schwindelig bei all den Und und Weniger und Mal und Geteiltdurch. Als dann das Zettelchen von hinten kam, erwischte es der Lehrer. "Der Müller und der Sturzenegger machen diese Woche im Keller Pause", hiess es da. Im Keller stand eine Kiste mit Äpfeln. Die beiden Lausbuben bissen jeden an und legten ihn dann fein säuberlich - mit der Bisswunde nach unten - in die Kiste zurück. Die Frau Lehrer servierte die angebissenen Äpfel ihrem erhabenen Besuch.

Am ändern Tag dann die Stenonotiz an der Wandtafel. Der Sturzenegger und der Müller wurden schier erhauen - von einem Rohrstock. Als der Albert dann beim Mittagessen kein "Ruebigs" hatte wegen seines Hosenbodens, fragte der Vater nach. Die zweite Tracht Prügel folgte. Man beisst eben keine Äpfel an, insbesondere nicht, wenn sie einem Lehrer gehören.

Sein Vater hat "gefuhrwerkt", hat an andere Leute ROSS und Wagen ausgemietet, Heu geholt in St. Gallen, allerhand Fuhren gemacht. Als der Albert so vierzehn, fünfzehn war, sollte er auch fahren. Er kannte die Welt aber nur bis zur Lustmühle. "Kannst ja fragen", hiess es, "die reden deutsch." So fuhr er in die Welt hinaus. Er hat die Wirtschaft "Grünberg" an der Oberstrasse doch noch gefunden, das Heu geladen. Er hat dann seine zehn mit Holzleisten eingewickelten Kleinballen Heu aufgeladen, zum wohlhabenden Bauern gebracht. "Kannst du sie mir gleich noch die Leiter hinauftragen?", fragte der. Ross und Wagen kosteten 24 Franken am Tag. Aber was bekam der Albert? Drei dürre Birnen und das Ross ein Stück hartes Brot.

Und so hat der Albert weiter gefuhrwerkt, Jauche geschöpft und ausgeworfen, wies der Brauch war. "Die Heutigen können das nicht mehr", gibt Hans Tobler, der auch noch gekommen ist, zu bedenken, "da musste man eben einen speziellen Zwick geben." Knecht war der Albert im Thurgau unten, beim reichen Holzhändler Etter, der durch die Landzusammenlegungen damals noch reicher wurde.

Man tauschte das Land nicht mit den Obstbäumen. Die fällte man. Und so kam es, dass mal über hundert Birnen-, Äpfel- und Nussbäume vor dem Haus lagen und darauf warteten, in die Fournierfabrik abtransportiert zu werden. Albert hatte ein Auge geworfen auf eine der beiden Töchter, der Patron merkte es. "Unter zehntausend kommt mir keiner ins Haus", hiess es. Und da diese Zahl für Albert astronomisch hoch war, liess er per Brief von seiner Mutter die Stelle kündigen und ging zurück ins Appenzellerland. Manches wäre noch zu sagen, ein Buch zu füllen. Jung geblieben ist er, der Albert Müller, ein behender, flinker Greis, kein drittes Bein, das Lachen jugendlich. Geraucht hat er nur einmal. Aus dem Ofenrohr gestohlene Brissago-Restchen. Das bekam ihm gar nicht gut, hat alles in den Bach geworfen, lieber Most getrunken. Ein Rezept für solches Altern gibt es nicht. Nur viel gegessen hat er nie.

 

Aus dem "Appenzeller Magazin" (12/2003)

Lebensformen in Ausserrhoden

von Hans Jürg Etter (Text) und Lukas Unseld (Bilder).

Von den fünf im Appenzelller Magazin porträtierten Menschen mit ungewöhnlicheren Lebensformen stammen "zweieinhalb" aus Wald !


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