Jürg Surber, Chordirigent: Nur frisch, nur frisch gesungen...

In einem kleinen Dorf eine so blühende Musik-Kultur zu finden wie in unserem Wald AR, ist alles andere als selbstverständlich. Einen wesentlichen Beitrag dazu leistet Jürg Surber, Leiter des Gemischten Chors.

Text und Bilder: Andreas Giger, Juni 2009


Montagabend an einem dieser Hochsommertage im Mai 2009. Das Mini-Amphitheater beim Kindergarten eignet sich hervorragend für eine Chorprobe unter freiem Himmel. Über vierzig Sängerinnen (in der Mehrheit) und Sänger haben sich versammelt. Längst nicht mehr alle wohnen in Wald selbst. Der Trend, so Chorleiter Jürg Surber im Gespräch, gehe eindeutig weg vom klaren Bezug auf ein einziges Dorf hin in Richtung Regionalisierung. Sichtbar wird dies auch auf einem anderen Gebiet, in dem Jürg Surber tätig ist, nämlich beim klassischen Orchester. Das Appenzeller Kammerorchester, das er seit 2002 ebenfalls leitet, und das dieses Jahr ein viel beachtetes Karfreitagskonzert in der Kirche Wald gegeben hat, ist aus dem Zusammenschluss des Herisauer und des Mittelländer Kammerorchesters entstanden und heute das einzige im ganzen Kanton.

Die Probe beginnt mit Lockerungsübungen, ganz wie bei den Profis. Dabei ist der Gemischte Chor Wald AR alles andere als eine Profitruppe, sondern ein bunter Haufen von Menschen mit mehr oder weniger intensiver Beziehung zur Musik. Längst nicht alle können zum Beispiel Noten lesen. Doch Jürg Surber nimmt sie alle ernst und traut ihnen etwas zu. Mit Erfolg. Viele Auftritte in der ganzen Region mit anspruchsvollem Repertoire und der zweite Platz in der Kategorie Gemischte Chöre am Schweizerischen Chorwettbewerb 2007 in Solothurn zeugen davon. 

Chorsingen hat in Wald Tradition: 1879 wurde der Männerchor gegründet, 1904 der Frauenchor. Seit 1982 singen sangesfreudige Frauen und Männer gemeinsam im Gemischten Chor. Für Jürg Surber ist das der Normalzustand, weshalb er mit der Bezeichnung „Gemischter Chor“ nicht besonders glücklich ist. Allerdings weiss er auch, dass solche Namensgebungen langlebig sein können, und investiert deshalb seine Energie lieber in die Musik als in wenig aussichtsreiche Namensänderungen.    

Musik, ob gesanglich oder instrumental, kommt für Jürg Surber aus Kopf, Herz und Hand – und aus dem Bauch. In den Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts nicht unbedingt in eine klassisch musikalische Familie hinein geboren, packte ihn die Musik bald ganz. Das Musikmachen gehört selbstverständlich dazu – Jürg Surber spielt das nicht ganz alltägliche Instrument Kontrabass. Er hat Kontrabass als Hauptfach seines Musikstudiums an der Hochschule belegt und abgeschlossen, ebenso wie Schulmusik und Dirigieren. Heute ist er Musikpädagoge mit Leib und Seele. In seinem Hauptberuf als Musiklehrer an der Kanti Trogen. Als Orchesterleiter. Und eben als Chordirigent.
 

Die ersten Gesänge steigen in den lauen Abendhimmel. Der Chor übt für seinen Auftritt an der Hundertjahrfeier der Schule Wald. Jürg Surber lässt ein Lied zunächst mal spontan singen, verweist dann auf einige Unebenheiten, lässt noch einmal singen. Es wird spürbar: Hinter jedem Auftritt steckt harte Probenarbeit. Und Übung, viel Übung. 

»Wenn Ihr vor hundert Jahren das dritte Mal hintereinander an dieser Stelle einen Ton rauf statt runter gesungen hättet wie eben, dann hätte es dafür einen Tatzen gegeben!« Jürg Surber fördert seine Sängerinnen und Sänger nicht nur, er fordert sie auch. Kürzlich habe er an der Schule bei einem intensiven Musikprojekt zwei Schüler rausschmeissen müssen, weil sie nicht bereit gewesen wären, sich mit Haut und Haar zu engagieren. Doch nur mit einem solchen Engagement aller Beteiligten seien Höchstleistungen möglich, die man sich ursprünglich gar nicht zugetraut hätte.

 

So sehr sich Jürg Surber engagiert – verbissen wirkt er dabei nie. Die ganze Atmosphäre dieser Chorprobe ist locker, es darf auch mal gelacht werden. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – sind bei jeder Wiederholung eines Liedes die Fortschritte hörbar. Es braucht nicht viel Phantasie um zu vermuten, dass in dieser Mischung aus Ernsthaftigkeit und Lockerheit eines der Erfolgsgeheimnisse des Gemischten Chors Wald besteht.

 

Die letzten Sonnenstrahlen erhellen die Szenerie. Geprobt wird jetzt die bekannte Volksweise „Hab oft im Kreise der Lieben...“. Der Text der vierten Strophe fasst – wenngleich etwas pathetisch – zusammen, worum es dem Gemischten Chor Wald und seinem Leiter geht:

Nur frisch, nur frisch gesungen – und alles, und alles wird wieder gut!

 


Zusammen mit anderen Zaungästen lausche ich beglückt den Klängen, habe den Eindruck, der Chor und sein Leiter passten bestens zusammen, und empfinde beides zusammen als absoluten Glücksfall für unser kleines Dorf, für sein kulturelles Angebot und für seine Lebensqualität...

Text und Bilder: Andreas Giger

 

 

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