Die geografische und kulturelle Lage von Wald AR

 

Blick vom Büel oberhalb des Dorfkerns von Wald Richtung St. Gallen

 

Blick auf die Kirche Wald, dahinter der Säntis

   

Wald AR (das AR steht nicht, wie viele meinen, für Aarau oder Aargau, sondern für Appenzell Ausserrhoden) ist ein kleines Dorf im schweizerischen Appenzellerland. Dieses wiederum liegt ganz im Nordosten der Schweiz - der kleine rote Fleck auf dieser Karte:

 

 

Genauer gesagt: Das Appenzeller Land liegt zwischen Bodensee und Säntis in einem hügeligen Voralpengebiet (der Pfeil zeigt auf Wald):


Tatsächlich ist von einem grossen Teil der Gemeinde das Säntis-Gebirge zu sehen, vom Gemeindegebiet "Tanne" aus auch der Bodensee. Wald ist die am zweithöchsten gelegene Gemeinde im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Das Dorf selber liegt auf knapp 1000 Meter über Meer, der höchste Punkt liegt bei 1128, der tiefste bei 750.

Das bedeutet nicht nur eine herrliche Aussichtslage, sondern oft auch Nebelfreiheit. Die" Wäldler" erfreuen sich in dieser Höhenlage besonders in den Wintermonaten an vielen sonnigen Tagen und können dann das Nebelmeer über St.Gallen, dem Bodensee und dem Rheintal bewundern.

Überhaupt, diese appenzellische Landschaft. Sie wird im folgenden Beitrag ebenso klug wie zutreffend beschrieben:


Landschaftsbühne Appenzell - Boden zwischen Natur und Künstlichkeit

Appenzeller Zeitung, 07.11.2003, von Agathe Nisple

Von wo auch immer der Weg hierher führt, das Ankommen in der appenzellischen Landschaft - ob des Geländes kundig oder nicht - ist immer ein Eintauchen und gleichzeitig ein Aufgenommenwerden in einer als einmalig gepriesenen Landschaftswelt. Bei aller Selbstverständlichkeit strahlt die Appenzeller Landschaft etwas Spektakuläres aus. Es ist eine visuelle und emotionale Faszination.

Einzigartige Szenerie

Unverwechselbar ist nicht nur die Physiognomie dieses Geländes, sondern auch der kulturelle Umgang damit. Was einst mit der Landnahme zur landwirtschaftlichen Bebauung und Nutzung des Bodens als Lebensgrundlage begann, entwickelte sich in der Folge zu einer landschaftlichen und kulturellen Szenerie. Mit dem sukzessiven Roden des Arboner Forstes, der sich einst als dichter Wald vom Bodensee bis unter den Säntis erstreckte, wurde eine organische Topografie freigelegt.

Boden als Haut

Wie ein geschundener Landschaftskörper bildet der jetzt der Natur abgewonnene Boden über seine Rundungen, Rippen und Kanten eine im Jahresrhythmus ständig sich erneuernde Haut. Mit dem historischen Wandel der Landschaftserfahrung erschliessen sich uns Räume und Orte immer wieder auf veränderte Weise. Die literarische Entdeckung des Appenzellerlandes im 18. Jahrhundert war einerseits eine Sichtweise aus der Ferne, die das Gebiet zwischen Bodensee und Säntis als Wirklichkeit gewordenes Arkadien und als legendäre Hirtenidyllik besang. Anmut und Erhabenheit, Schrecken und romantische Verklärung, Beteuerungen der realen Natur und ästhetische Überzeichnung bilden die Eckpunkte der Gegensätzlichkeit von Anschauung und Vermittlergeist. Das Appenzellerland wurde zur poetischen Kulissenwelt, wo selbst die Alltagsszenen wie gespielte Bühnenstücke hochstilisiert wurden. Es entwickelte sich eine einzigartige repräsentative Kultur.

Erneuerung

Das sich Aneignen der Natur und vielfältige Erleben von Landschaft weist eine lange Geschichte auf und spannt einen weiten Bogen. So ist denn Kulturlandschaft immer im doppelten Sinn zu verstehen, als Bodenschatz der Zivilisation und als Aktionsraum für künstlerische Bewegungen.

Dass sich die Attraktivität des appenzellischen Lebensraumes - wenn auch nicht ungebrochen - bis in unsere Gegenwart halten konnte, liegt wohl letztlich in der Landschaft begründet. Bei aller natürlichen und erzwungenen Wandelbarkeit ist sie die sicherste und zuverlässigste Konstante. Es ist offenkundig, dass der Geist kritischer und die Betrachtungsweisen differenzierter geworden sind. Die Landschaft scheint etwa Unerschöpfliches zu bergen, das jedes Zeitalter auf seine Weise nutzt, und das mit verändernder Geisteshaltung aus unterschiedlicher Perspektive betrachtet und mit entsprechendem Respekt behandelt und geachtet wird. So erneuert sich Landschaft immer wieder im künstlerisch kulturellen Dialog.


Innerhalb des Appenzellerlandes werden das Hinter- das Mittel- und das Vorderland unterschieden. Wald gehört zum Vorderland, und das hat es in sich:

Das Appenzeller Vorderland:

Aussicht verleiht den Menschen Weitsicht

Monika Egli in der Beilage "Vorderland" der Appenzeller Zeitung vom 07.06.2001

Topografie und geografische Lage haben die Geschichte und Menschen des Vorderlandes im Laufe der Jahrhunderte geprägt und dem Geschehen da und dort einen Lauf gegeben, der andernorts undenkbar gewesen wäre. Die Vorderländer Mentalität unterscheidet sich von allen anderen: Vorderländer sind gute, aber spezielle Appenzeller.

Die Topografie im östlichen Teil des Kantons Appenzell Ausserrhoden mit den Gemeinden Heiden, Grub, Rehetobel, Wald, Reute, Wolfhalden, Walzenhausen und Lutzenberg unterscheidet sich in wesentlichen Teilen von jener des übrigen Kantons: Hier gibt es keine einengende, aufs Gemüt drückende Berge. Wenn auch hügelig und da und dort von einem schroffen Tobel durchzogen, ist es doch eine sanfte Landschaft. Sie wird geprägt vom Grün der Wiesen und Wälder, vom Blau des Bodensees und vom Weiss der Berggipfel in der Ferne. Einmalig bleibt die Aussicht, die Weitsicht verleiht. Der Blick auf Deutschland und Österreich und auch die geographische Nähe zu diesen Ländern haben im Vorderland stets jegliches Einigeln verhindert.

Man hat schon im Mittelalter regen Handel getrieben, sowieso mit den Rheintalern, bei denen man zum Teil kirchgenössig war, aber speziell auch das Vorarlberg lag immer "am Weg". Über alle Grenzen hinweg wurde geheiratet und man knüpfte verwandtschaftliche Bande. Die Reformation brachte dann zwar viel Trennendes, streng wurden die Grenzen gezogen - aber nur für eine gewisse Zeit. Was früher galt, hat schon lange wieder und auch heute seine Richtigkeit: Offen ist das Land, offen sind die Menschen.

Vorderländer Blut ist früher und häufiger als an anderen Orten im Kanton "aufgefrischt" worden. Fremdes und Einheimisches hat sich vermischt und Zugezogene aus der nahen Stadt und dem Rheintal galten und gelten - wenn sie sich den hiesigen Sitten und Gebräuchen einigermassen anpassen - denn auch nie als "fremde Fötzel".

Auftrieb ist spürbar

Dass man bis heute von den Werken der mutigen Vorfahren profitieren kann, sich als Biedermeierdorf mit Dunant-Museum, Kino und Kubli-Kirchturm profiliert und im ganzen Bezirk touristische wie auch kulturelle Sehenswürdigkeiten besitzt, ist ebenfalls der Weitsicht zu danken: Immer wieder musste über Investitionen für Sanierungen und Erhaltung, aber auch für neue Einrichtungen und Institutionen entschieden werden und meistens fanden sich Personen mit Initiative, die einen möglichen Wert erkannten oder auch merkten, wo Neues gefragt und angebracht war. Wirtschaftliche Rückschläge blieben nicht aus, die jüngsten Rezessionen gegen Ende des letzten Jahrhunderts zeigten auch hier ihre lähmende Wirkung. Aber heute ist wieder viel Auftrieb zu spüren und den Strukturbereinigungen stellt man sich - die einen murrend, die anderen die Chancen erkennend, die Neues ermöglichen.

Nicht die kalte Schulter zeigen

Die Vorderländerinnen und Vorderländer befinden sich ziemlich weit weg "vom Gschütz", man kehrt Herisau, den Mittel- und Hinterländern geographisch den Rücken zu - zeigt ihnen aber nicht die kalte Schulter. Selbstverständlich fühlt man sich als Ausserrhoder, sieht darin aber kein Hindernis, sich der "Euregio" zu nähern und mit den Rheintalern, den deutschen und österreichischen Nachbarn dort zusammenzuspannen, wo es sinnvoll und wo regionales Denken gefragt ist. Diese Bereitschaft, Grenzen zu überschreiten, wirkt sich auch im Innern aus: Wie in keinem anderen Bezirk arbeiten die acht Gemeinden daran, dem Vorderland tragende Zukunftsstrukturen zu geben. Die Gemeindepräsidenten treffen sich regelmässig zu "Lagebesprechungen", um auszuloten, wo Zusammenarbeit allen nützt und um bereit zu sein, wenn Diktate "von oben" zum Handeln zwingen. "Agieren statt Reagieren" haben sie sich auf die Fahne geschrieben - eigentlich ein Grundsatz modernen Managements, genau betrachtet aber auch die Devise der Altvordern. Es schält sich heraus und ist auch logisch, dass es wieder Heiden sein wird, dass je länger je mehr eine Zentrumsfunktion übernimmt. Das bedeutet für die anderen Gemeinden manchmal vielleicht etwas "Federnlassen", aber letztlich wird die nicht aufzuhaltende Entwicklung - solchermassen koordiniert - dem ganzen Vorderland zugute kommen.

Handel mit der ganzen Welt

Ein - unvollständiger - Querschnitt zeigt, welch erstaunliche Vielzahl und Vielfalt an Betrieben und Unternehmen im Vorderland angesiedelt sind. Ob mit Nischenprodukten und handwerklichem Können oder mit ausgesprochenen High-Tech-Gütern - gehandelt wird nicht nur mit der Schweiz, sondern mit der ganzen Welt. Und gesunde wirtschaftliche Zusammenarbeit ist - wie das Beispiel Vorderland zeigt - auch ein guter und ergiebiger Boden für Kultur und Kunst. Das (noch ausbaufähige) Tourismusangebot und das breit gefächerte Gesundheitswesen mit einem Kantonalen Spital, privaten Kliniken, Kur- und Wellnessangeboten sowie der immer wichtiger werdenden Naturheilkunde sind weitere Faktoren, die Auswärtige, vor allem aber auch Arbeitsplätze bringen und dem Vorderland zur wirtschaftlichen Bedeutung verhelfen.

Vielleicht ein wenig moderner

Ein Hinterländer kann von einem Vorderländer sagen, dieser sei ihm zu wenig "urchig" - das trifft zu. Folklore wird zwar hochgehalten, fremde Einflüsse verringern hier aber ihren Stellenwert Das Vorderland ist ein wenig moderner, ein wenig lockerer und somit eine ideale Ergänzung. Appenzellerland ist nicht nur Folklore mit Säntis und Sennen, nicht nur Gesundheitswesen und Tourismus, nicht nur High-Tech und Handwerk. Den Charme des Appenzellerlandes macht die Mischung aus, die dazu führt, dass hier jeder sein ihm zusagendes Plätzli findet. Dazu tragen alle Bezirke, auch das Vorderland, ihren Teil bei - jeder auf seine Art.


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